Gedanken zum Sitzunterricht

(nach Niko Bernard)

Bei der Beschreibung, wie der Normalsitz nun auszusehen habe, wird x-mal erklärt und versichert, daß der Sitz und jedes seiner Details eine Funktion habe. Jedoch vermisse ich meistens gerade diese Erklärung.

Das Hauptproblem beim Finden des Sitzes liegt im Finden des Gleichgewichtes – des eigenen und des Gleichgewichts zusammen mit dem Pferd – wobei es um mehr geht, als lediglich das Herunterfallen zu vermeiden. Betrachtet man Menschen im Alltagsleben, beim Stehen, Gehen, Sitzen und anderen Tätigkeiten, fällt die oft sehr unökonomische Haltung auf. Diese Haltung kann sich im Laufe des Lebens verändern – in jede Richtung. Es ist nicht verwunderlich, daß durch den unökonomischen Einsatz des Körpers viel Unbehagen, Erschöpfung und sogar Krankheiten auftreten können.

Erwiesen ist, daß die Körperhaltung nur über kurze Zeit willentlich in eine Idealform zu bringen ist.

Beim üblichen Sitzunterricht wird fast ausschließlich direkt auf einzelne Detailkorrekturen eingegangen, wie z.B. Kopf hoch, Oberkörper gerade, Becken vor, Unterschenkel zurück, Ferse tief, u.s.w.. Aus Bewegungslehren im Sport weiß man bereits, daß direkte Anweisungen nicht unbedingt zielführend sind. Zum einen, weil, wie schon oben angedeutet, jeder Mensch schon bei Alltagsbewegungen wenig Körperbewußtsein hat, und zum anderen, weil sie auf einem anderen Lebewesen mit eigenen Bewegungen und eigenem Rhythmus um so schwerer umzusetzen sind.

Ein Vorschlag, den Sitzunterricht zu verbessern, besteht darin, das Bewußtsein und den Willen des Schülers auf Übungen umzulenken, die die eigentliche Schwierigkeit, nämlich das Finden der Balance, dem Körper überlassen. Bei "willensstarken", ehrgeizigen und auch athletischen Menschen empfiehlt es sich, Übungen einzubauen, die fließend durchzuführen sind, und die einseitige Versteifungen im Körper unterbinden. Auch fortgeschrittene Schüler sollen sich anhalten dürfen. Bei Direktkorrekturen übertreibe ich den Fehler, um ihn spürbarer zu machen.

Der Aufbau beginnt beim Gesäß. Sitzen, Oberkörper aufrecht, die Streckung spüren lernen, die Schwingung des Pferderückens fließend oder zäher durchlassen, erst dann in logischer Folge Schenkel und Hand, Feinkorrekturen. "Kreuz anspannen" wird so spielerisch und im Zusammenhang mit der Pferdebewegung gelernt. Anatomisch-physiologisch herrscht noch immer Unklarheit über das Kreuzanspannen; darüber, was das Becken machen soll, sogar welche Muskelgruppen welche Funktionen hervorrufen sollen, teilen sich die Meinungen.

Ich gehe davon aus, daß die Rückenschwingung des Pferdes in einer Wellenlinie durch den Reiter fließt. Konzentriert sich der Reitschüler nun auf Anweisungen wie Kreuzanspannen, ab kippen, vorkippen, locker machen, passiert meist folgendes: Schwingung des Oberkörpers abgebrochen, Becken fest gehalten, oberhalb zu locker, Nacken wieder verkrampft, Hals unkontrolliert locker mit schaukelndem Kopf darauf. Wir alle kennen diese Bilder aus dem Turniersport, wo sogar Spitzenreitern diese Sitzfehler anhaften. Es ist klar, daß der Kopf mit seinem nicht geringen Gewicht und solcher Nickbesegung den Schwerpunkt ständig verschiebt. Aus der Praxis kann ich sagen, daß gerade beim Oberkörper z.B. durch das Kommando Kopf hoch! nur beim Symptom angesetzt wird.

Daß diese Kreuzschulung auch beim Leichttraben erfolgreich eingesetzt werden kann, bestätigt meine Auffassung und eröffnet auch ergänzende Möglichkeiten für den Sprungsitz.

 

(c) Nikolaus Bernard